Rückblick Fachpresse-Kongress 2018: „Leidenschaft für B2B – Immer einen Schritt voraus“

Mehr als 500 Teilnehmer waren zum Kongress der Deutschen Fachpresse im Ellington Hotel Berlin gekommen. Alle Fotos: Monique Wüstenhagen

Fachpresse-Sprecher Stefan Rühling eröffnete nach zwei Amtszeiten zum letzten Mal den Kongress der Deutschen Fachpresse und plädierte für Mut und Lust zum Wandel.

"Befreit Euch von intellektuellen Zwangsjacken!": Managementberaterin Anja Förster hielt die Eröffnungskeynote.

"Die Millenials haben eine ganz andere Lebensphilosphie!" Thomas Wendt, Personalverantwortlicher bei Axel Springer, diskutierte die HR-Perspektive in Change-Prozessen.

Thomas Bachem, Gründer der Code-University, sprach sich für mehr Coding-Know-how und Start-up-Spirit aus.

Bitte mitreden: Der Expertenaustausch stand bei allen Programmpunkten im Mittelpunkt.

Globales Denken: Natasha Christie-Miller erläuterte die Transformationsstrategie von Ascential Intelligence.

23 Medienunternehmen in 18 Ländern: Welche Strategie hinter diesem Internationalisierungserfolg steckt, erörterte Ronald Herkert, Gründer und Vorsitzender des Beirats der Forum Media Group.

Perspektiverweiterung auf allen Ebenen: Der Fachpresse-Kongress lud zum Praxisaustausch ein.

Dr. Benjamin Wessinger: "Digitalisierung ist kein Selbstzweck."

Moderatorin des Tech Outlooks am ersten Kongresstages: Susanne Schlüter

Networking großgeschrieben: Beim Speed-Networking konnten sich neue und alte Kongressteilnehmer gezielt austauschen.

"Die vernetzte Welt verändert, wie wir Geschichten aufspüren": Dr. Jakob Vicari im Tech Outlook.

Dr. Susanne Rupp, Head of Education Consulting beim Cornelsen Verlag, zeigte VR-Einsatzpotenziale für digitales Lernen.

"Die größte Herausforderung am Standort Deutschland ist es, die Digitalisierung wirklich umzusetzen": Bitkom-Hauptgeschäftsführer Dr. Berndhard Rohleder

Große Preisverleihung: Bei der B2B Media Night wurden die "Fachmedien des Jahres" und die "Fachjournalisten des Jahres" verliehen.

VDZ-Präsident Dr. Rudolf Thiemann verwies auf den engen Zusammenhang von Pressefreiheit und wirtschaftlicher Freiheit.

Christian Mihr, Geschäftsführer Reporter ohne Grenzen, appellierte für verlegerische Solidarität in punkto Pressefreiheit.

Leidenschaft, Mut und eine offene Geisteshaltung: Ohne sie ist es unmöglich, sich bewusst auf die Suche nach Neuem zu machen. Dies zeigte unter dem Motto „Leidenschaft für B2B – Immer einen Schritt voraus“ der Kongress der Deutschen Fachpresse 2018, zu dem sich am 16. und 17. Mai in Berlin mehr als 500 Verleger und leitende Mitarbeiter aus Fachmedienhäusern zusammenkamen.

Geschäftsmodelltransformationen sind seine Leidenschaft. Und ein unerschöpfliches Thema. Denn die Umformung nicht nur der Fachmedienbranche ist ein andauernder Prozess. Allerdings sei der Wandel nicht kontinuierlich, so Dr. Carsten Linz, Leiter SAP-Center for Digital Leadership, auf dem Kongress der Deutschen Fachpresse in Berlin, sondern manchmal sprunghaft, exponentiell. Wie immer er auch gerade verläuft, eines ist sicher. „Wir werden nie mit der Transformation zu Ende sein“, ist Linz überzeugt. Dies meint zugleich, dass sich bequem zurücklehnen, weil ja schon einiges angepackt wurde, nicht zielführend ist. Notwendig sind neue Denkansätze, eine grundlegende geistige Offenheit. „Wann war es das letzte Mal, das Sie etwas zum ersten Mal gemacht haben?“, fragte Linz die Zuhörer. Antworten sind nicht überliefert, die Stoßrichtung ist jedoch klar. Es geht darum zu agieren, statt zu reagieren. In den Worten von Linz: „Wir innovieren für die Zukunft, anstatt die Vergangenheit zu digitalisieren.“

Für die Zukunft innovieren
Dass Agieren viel mehr bedeutet, als die Veränderung bloß zu umarmen, technische Entwicklungen zu loben und Unternehmen zu reorganisieren, betonte auch Stefan Rühling. Er eröffnete in diesem Jahr zum letzten Mal als Sprecher der Deutschen Fachpresse den Kongress, da er sich nach zwei Amtszeiten als Sprecher und insgesamt 18 Jahren im Vorstand der Deutschen Fachpresse nicht mehr zur Wahl stellte und aus dem Gremium ausschied. Neuer Sprecher der Deutschen Fachpresse ist Dr.-Ing. Klaus Krammer, Vorstand Krammer Verlag. Er setzt auf Kontinuität und kündigte an, dass die Fachpresse ihre Mitglieder weiterhin in ihren Transformationsprozessen mit einem starken Netzwerk fördern wird.

Raus aus der intellektuellen Zwangsjacke
„Die Leidenschaft, die Passion für unsere Themen, unsere Branchen und unsere Kunden gibt uns die Energie, den Mut und den Rückenwind, um den Wandel voranzutreiben“, sagte Rühling in seiner Abschiedsrede. Hinderlich dabei sind fraglos „intellektuelle Zwangsjacken“, wie die Managementberaterin Anja Förster sie nennt. Sie sind in jeder Branche zu finden, vor allem bei denjenigen, die schon lange in ihr tätig sind. „Hinterfragen Sie Ihre Überzeugungen!“, forderte sie deshalb die Kongressteilnehmer auf. „Je mehr man an Dogmen festhält, desto mehr öffnet man Disruptoren das Feld.“ Denn diese sind eben nicht davon überzeugt, dass es „so ist“ oder „so nicht geht“.

Mut zu klugen Fehlern statt Risikoaversität
Neben einer offenen Geisteshaltung braucht es Mut, neue Dinge auszuprobieren, Durchhaltevermögen und Leidenschaft, so Förster. Hier war es wieder, dieses Wort, hinter dem starke Gefühle stecken können und das ein Leitmotiv des diesjährigen Fachpresse-Kongresses war. Noch eines sei wichtig: Der Mut zu schlechten Ideen. Lediglich am Status quo zu kratzen sei noch nicht die Lösung. Experimente müssen her. Experimentierfreudig zu sein heißt jedoch zugleich, den Pfad der fehlerfreien Organisation zu verlassen. Förster erzählte, dass es Unternehmen gibt, die jährlich unternehmensintern nicht nur einen Preis für die beste Innovation, sondern auch für den größten Flop bzw. Fehlschlag vergeben. Für einen „klugen Fehler“ eben, wie sie beim Experimenten vorkommen. Eine gute Idee, wie Förster findet. „Es ist okay, dass beim Betreten von Neuland Ideen nicht funktionieren“, bekräftige die Beraterin, in deren Augen Risikoaversität in Unternehmen ein Riesenproblem ist.

Die Rückkehr des Unternehmer-CEOs
Dies zu ändern ist eine Aufgabe für Führungskräfte, denen sowieso eine tragende Rolle in Transformationsprozessen zukommt. Sie sind als erstes gefordert, sich für neue Denkansätze zu öffnen und diese Haltung kultivieren. Unterstützt werden sie dabei, zumindest in größeren Fachmedienhäusern, von den Unternehmenskommunikatoren. Eine ihrer Aufgabe ist es, wie Dr. Gunther Schunk, Chief Communication Officer Vogel Business Media und Vorsitzender der Kommission Kommunikation der Deutschen Fachpresse, in einer der Praxissessions am zweiten Kongresstag erläuterte, die Unternehmenskultur und die Wertekommunikation. Manchmal reicht es fürs Erste sich an der Spitze einfach rückzubesinnen. „Bringen Sie das ins Unternehmen zurück, was anfangs da war“, rief Linz den Zuhörern zu. Gemeint war damit der unternehmerische Geist, neudeutsch gerne Start-up-Spirit genannt, der heute zugleich mit einem anderen Verständnis von Führung einhergeht. Linz ist ein Verfechter des New Leadership: „Es wird unternehmerischer, es wird transformativ, es wird digital“. Er beschwor die Rückkehr des Unternehmer-CEOs und plädierte dafür beidhändige Organisationen zu schaffen, top-down und bottom-up.

Mitarbeiterführung in Zeiten von Work-Life-Blending und Selbstlernkompetenzen
Es gilt nicht nur die Mitarbeiterfähigkeiten bestmöglich einzubinden, sondern sich generell auf eine neue Generation von Mitarbeitern einzustellen. „Sie haben ganz andere Lebensphasen, eine ganz andere Lebensphilosophie“, hat Thomas Wendt, Personalverantwortlicher Print bei Axel Springer, beobachtet. Mehr noch. Viele junge Menschen charakterisiere ein individualisiertes Work-Life-Blending und eine flexible Loyalität zum Arbeitgeber. Geboten werden müssen, um in dem Bewerbermarkt zu bestehen, „echte Benefits, passend zum Leben der Millennials“. Auch die Absolventen der Code Universität werden sich vermutlich ihre Arbeitgeber aussuchen können. Und sie werden wählerisch sein. Denn die von Thomas Bachem gegründete private Fachhochschule für digitale Produktentwicklung in Berlin, die Business- und Tech-Welt zusammenbringen will, macht nichts Anderes als Bildung neu zu denken. Fächergrenzen sind aufgehoben, Selbstlernkompetenz und Eigenverantwortlichkeit werden gefördert, Professoren sind Coaches, die auch nicht unbedingt alles wissen (müssen). „Wir lernen voneinander und miteinander“, sagte Bachem. Schließlich bringe fast jeder bereits etwas mit. Auch in einem Unternehmen.

Enthält Ihr Unternehmensziel ein wirklich transformatives Element?
Wer die „Code“ erfolgreich absolviert hat, ist sicher gut vorbereitet auf die von Linz geforderte New Leadership. Neue Führungsqualitäten sind nur ein wesentlicher Faktor, wenn man in einer disruptiven Welt in Führung gehen will. Zugleich müsse das Unternehmen den richtigen strategischen Fokus setzen und ein Transformationsziel haben. „Überprüfen Sie, ob Ihr Unternehmensziel ein transformatives Element enthält“, riet Linz den Zuhörern. In dem Unternehmensziel der britischen, 1887 gegründeten specialist global information company Ascential Intelligence ist es sicherlich zu finden.

Angestoßen durch die Digitalisierung habe man sich 2011 sechs Monate lang Gedanken gemacht, „wie wir uns unser Unternehmen vorstellen“, erläuterte Natasha Christie-Miller, Chief Executive bei Ascential Intelligence ihre Transformationsstrategie. Klar waren danach drei Dinge: Man wollte richtig international werden (nicht mehr nur in UK mit Fokus auf Zeitschriften), man wollte einen klareren Fokus haben und sich auf Digital und Events konzentrieren“. Um dies zu erreichen, mussten „harte Entscheidungen“ getroffen werden. Fast alle Titel wurden verkauft, das Portfolio von 500 Businesses auf 12 reduziert, der Ausstellungsbereich wird aktuell gerade veräußerte. Neu hinzugekommen sind Aktivitäten und Angebote wie E-Commerce-Data-Insights. Der Weg ging bei Ascential Intelligence also von der Breite in die Nische, die Entscheidung war offenkundig richtig. „Wir wachsen schneller als unsere Mitbewerber“, sagte Christie-Miller, die immer noch „total motiviert“ ist, leidenschaftlich eben.

Einer Vision folgen
Ronald Herkert, Gründer und Vorsitzender des Beirats Forum Media Group, hat einen politischen Transformationsprozess genutzt, um das eigene Geschäft voranzubringen und gab Einblicke in seine Wachstumsstrategie. Die Wiedervereinigung Deutschlands wies den Weg gen Osten, zuerst innerhalb Deutschlands, dann über die Landesgrenzen hinweg. Über allem stand die Vision (durchaus mit Transformationspotenzial), eines der international führenden Medienunternehmen zu werden – heute umfasst die Gruppe 23 Medienunternehmen in 18 Ländern – und dabei Menschen zu helfen, erfolgreich und glücklich zu sein. 70 Prozent des Umsatzes werden aus einer Kombination traditioneller mit Onlinemedien generiert, dabei bedient die Forum Media Group die Bedürfnisse der Kunden mit den Medien, die technologisch zur Verfügung stehen. „Wir setzen alle Medien ein und legen uns keine Beschränkung auf“, sagte Herkert. Schließlich würden „doch keine Medien verkauft, sondern Fachinformation, Weiterbildung, Unterhaltung“.

Prototypisch und zukunftsweisend
„Berufliche Entscheider wollen heute nicht nur zuverlässig informiert, sondern auch fachlich inspiriert werden und am thematischen Diskurs ihrer Branchen aktiv teilnehmen“, bestätigte Bernd Adam, Geschäftsführer Deutsche Fachpresse, bei der Verleihung der der Awards „Fachmedium des Jahres 2018“ und „Fachjournalist des Jahres 2018“ zum Auftakt der B2B Media Night. Egal auf welchen Kanal. „Unsere elf Fachmedien-Awardsieger zeigen prototypisch, wie zukunftsweisende Angebote aus Fachmedienhäusern den wachsenden Anforderungen ihrer Kunden Rechnung tragen: Nutzwertig ausgerichtet, dialogorientiert, redaktionell vielfältig, ästhetisch anspruchsvoll und selbstverständlich fachlich einwandfrei“, so Adam.

Inhaltevermittlung heute und morgen
Digitalisierung ist kein Selbstzweck, befand Dr. Benjamin Wessinger, Geschäftsführer Mediengruppe Deutscher Apotheker Verlag. „Wir gucken immer nach den Inhalten.“ Er ist davon überzeugt, dass journalistische Qualität sich durchsetzen wird. Auch online. Wessinger hielt ein leidenschaftliches Plädoyer für Qualitätsjournalismus, der sich für ihn durch fünf Faktoren auszeichnet: 1. Immer den Leser im Blick zu haben; 2. Unabhängigkeit; auch als Voraussetzung für eine 3. kritische Berichterstattung; 4. für und nicht über die Zielgruppe zu berichten und 5. sich an journalistische Grundsätze zu halten. Wobei, auch dies sei angemerkt, journalistische Qualität nicht immer (nur) durch das Beherrschen des journalistischen Handwerks kommt, sondern, wie bei DAZ online, auch über die fachliche Expertise der Schreibenden.

Vielleicht sollte man besser Vermittler sagen. Denn auch die Vermittlung von Inhalten ist bekanntlich im Wandel. Wussten Sie, dass die Seele einer Kuh in ihrem Pansen sitzt? Muss man nicht unbedingt wissen. Allerdings kann man, wenn man es weiß, genau dort Sensoren anbringen, die Vitalwerte der Kuh messen und die Daten für eine Reportage über Milcherzeugung nutzen. Mitgebracht hat dieses Beispiel einer Sensor-Live-Reportage Dr. Jakob Vicari. „Vernetzte Gegenstände, die vernetzte Welt verändert, wie wir Geschichten aufspüren“, sagte der freie Wissenschaftsjournalist. Ihm geht es darum, zu überlegen, wie „wir das Internet der Dinge für Journalismus nutzen können“. Statt lediglich darüber zu berichten.

Auch Virtual Reality (VR) ist inzwischen hoffähig geworden. „Heute habe ich gesehen, was ein Essen fühlt, wenn es verdaut wird“, kommentierte ein Schulkind das VR-gestützte, offenbar sehr anschauliche Erlernen von Verdauungsprozessen. „Für uns ist das eine tolle Technologie, um Lernprozesse zu unterstützen, weil man in virtuelle Welten eintauchen kann“, bilanzierte Dr. Susanne Rupp, Head of Education Consulting beim Cornelsen Verlag ihre Erfahrungen mit dem Einsatz von VR bei der Vermittlung von Lerninhalten. Fehlen nur noch die entsprechend ausgestatteten Schulen. „Die größte Herausforderung am Standort Deutschland ist es, die Digitalisierung wirklich umzusetzen“, hatte zuvor schon Dr. Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer Bitkom, konstatiert.

Pressefreiheit aktiv verteidigen
In seinem Ausblick auf Welt von 5.0 und 6.0. forderte er mit Blick auf die EU-DSGVO eine neue Balance zwischen dem Recht, Daten zu nutzen, und dem Schutz der persönlichen Daten. „Datenschutz verstanden als Verbraucherschutz sorgt heute mehr und mehr dafür, dass der Wettbewerb ausgehebelt wird“, kritisierte der seit November amtierende VDZ-Präsident Dr. Rudolf Thiemann in seiner Ansprache an die Fachverleger, in der er auf noch weitere Bedrohung durch die Medienpolitik Brüssels einging. Mit Blick auf die Initiative der EU-Kommission, legale Informationen bewerten zu wollen, forderte er die Zuhörer auf, sich dem entgegenzustellen. „Jede Form von Bewertung, Indexierung oder Indizierung mündet in Zensur“, sagte Thiemann. Er wisse, dass die Fachpresse hier mit allen Kolleginnen und Kollegen im Verlegerverband an einem Strang ziehe. „Wir dürfen uns nicht auseinanderdividieren lassen“, bekräftigte er. Denn „Pressefreiheit ist unteilbar“. Sie geht alle etwas an, zumal ein enger Zusammenhang zwischen Pressefreiheit und wirtschaftlicher Freiheit besteht. Nicht zuletzt ist sie zumindest in unserer Verfassung festgeschrieben. „Pressefreiheit ist keine Frage der Moral, sondern eine Frage des Rechts und der rechtsstaatlichen Durchsetzung“, betonte Christian Mihr, Geschäftsführer Reporter ohne Grenzen Deutschland, in seinem abendlichen Zwischenruf. Er plädierte in unserer globalisierten Welt für praktische Solidarität mit denen, deren Freiheit des Wortes beschnitten wird. Ein letzter Appell voller Leidenschaft auf dem diesjährigen Fachpresse-Kongress.
Susanne Broos

Der Rückblick in Bildern: Die Fotogalerien vom Kongress finden Sie hier.